Veranstaltungsreihe „Sozialraum und Inklusion“

„Sozialräume gemeinsam gestalten“ – 3. Fachtag der Europäischen Akademie für Inklusion am 31. März 2011

 

Der erste Fachtag der Reihe am 31. März 2011 im Kieler Landeshaus, stieß mit rund 200 Besuchern auf großes Interesse. Der Auftakt, zu dem Staatssekretärin Dr. Bettina Bonde ein Grußwort sprach, stand ganz im Zeichen der Erklärung der beiden namensgebenden Begriffe der Fachtag- und Workshopreihe, die vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Schleswig-Holstein im Rahmen der Initiative „Alle inklusive“ gefördert wird.

 

Prof. Dr. Markowetz von der Katholischen Fachhochschule Freiburg grenzte „Inklusion“ von „Integration“ ab, die nichts anderes sei als „eine Vorstufe“, da Inklusion „weit darüber hinaus“ gehe und „radikal fordere, dass Behinderung als normale Spielart menschlichen Seins in allen gesellschaftlichen Bereichen akzeptiert und entsprechend in allen administrativen Planungen regelhaft einbezogen werden muss“.

 

Der Vortrag zum Ansatz des Sozialraums von Peter Petersen, Referent für Soziales des Diakonischen Werks Schleswig-Holstein, orientierte sich an der „Leichten Sprache“, wodurch das komplexe wissenschaftliche Konzept, unter Zustimmung des Auditoriums, in eine für alle verständliche Sprache übersetzt werden konnte.

 

Das Ziel der Europäischen Akademie für Inklusion ist es, durch den Diskurs zur „Inklusion“ nicht wiederum die Betroffenen auszuschließen, sondern sie aktiv an der Gestaltung der Reihe zu beteiligen, indem Praxisbeispiele vorgestellt werden und Menschen mit Behinderungen und andere vom gesellschaftlichen Ausschluss bedrohte Menschen von ihren Erfahrungen berichten.

 

Als Vertreterin der Initiative „Kropp für alle“ schilderte Pastorin Claudia Zabel die Stolpersteine auf dem Weg, die Ortschaft Kropp in einen Sozialraum für alle zu verwandeln, da sich der Inklusionsgedanke nicht darin erschöpfe, Bürgersteige für Rollstuhlfahrer abzusenken. Gehe es darum, gemeinsam und gleichberechtigt zu leben, gebe es viele Vorbehalte gegenüber Menschen mit Behinderungen, die nun Stück für Stück durch die Initiative abgebaut werden sollen.

Um das Sozialraumkonzept an Greifbarkeit gewinnen zu lassen, stellten die „Veddeler Kiezläufer“ aus Hamburg ihr Projekt vor, das von Ayhan Altun initiiert wurde, der in Hamburg im so genannten „Problem“-Stadtteil Veddel lebt. Das Projekt wurde mit dem Bürgerpreis der Stadt Hamburg ausgezeichnet sowie in andere deutsche Städte als Erfolgskonzept übertragen. Die Kiezläufer sind junge Erwachsene mit Migrationshintergrund. Sie sind im Stadtteil präsent und lösen in der „Funktion des älteren Bruders“ Konflikte, die durch jugendliche Drogenkonsumenten ausgelöst werden und den Bewohnern in der Vergangenheit das Gefühl gaben, im Stadtteil nicht mehr sicher zu sein. Die Kiezläufer arbeiten eng mit Ausbildungsbetrieben zusammen, um den Jugendlichen berufliche Perspektiven zu bieten und erzielen beachtliche Erfolge in der Beruhigung des Stadtteils.

Die Reihe "Sozialräume gemeinsam gestalten" wird am 31. Mai 2011 mit dem ersten Workshop zum Thema "Praxis trifft Inklusion" in Neumünster fortgesetzt. Für diejenigen Interessierten, die am Fachtag nicht teilnehmen konnten oder gern noch einmal die Vorträge in Ruhe nachlesen wollen, finden sich diese hier zum Download. Außerdem ein kurzer Einstieg ins Thema:

 

Sozialraumorientierung und Inklusion – ein Einstieg ins Thema

Inklusion kann nur durch die Auflösung von Sonderwelten gelingen. Das Ziel ist, dass alle Menschen zusammen wohnen, arbeiten, lernen, ihre Freizeit gestalten und das Recht und die Pflicht haben, ihre Fähigkeiten in die Gemeinschaft einzubringen.

Welche Chancen bietet der sozialräumliche Ansatz? In der Sozialraumorientierung geht es darum, Lebenswelten von Menschen mit ihnen gemeinsam zu gestalten. Diese Neugestaltung soll dazu beitragen, dass Menschen auch in erschwerten Lebenssituationen entsprechend ihren eigenen Entwürfen leben können. Im Unterschied zur traditionellen Sozialen Arbeit verliert der Einzelfall zu Gunsten des sozialen Raumes seine zentrale Bedeutung. Somit soll Soziale Arbeit dazu beitragen, bauliche, strukturelle und soziale Ressourcen in einem sozialen Raum gemeinsam mit der Bevölkerung besser zu nutzen, aufzubauen und zu erweitern.

Das Konzept der Sozialraumorientierung wird derzeit in den Arbeitsfeldern des Quartiersmanagements, der offenen Jugendarbeit, der erzieherischen Hilfen und in der Arbeit mit behinderten Menschen angewandt. Sozialraumorientierte Arbeit versucht mit den beteiligten Menschen gemeinsam Vereinbarungen auszuhandeln, anstelle des Versuches, sie zu „erziehen“. Dies bedeutet Ermächtigung statt Entmündigung und die Möglichkeit für die Beteiligten, ihre Lebensentwürfe selbst zu planen. Hierdurch sind die Fachkräfte der Sozialen Arbeit herausgefordert, sich von normativen Vorstellungen eines „gelungenen Lebensentwurfs“ zu lösen und unkonventionelle Arten des Zusammenlebens zu verstehen oder auch zu bestaunen.

An dieser Schnittstelle von Sozialraum und Inklusion knüpft die Veranstaltungsreihe der Europäischen Akademie für Inklusion an, deren Auftakt dieser Fachtag ist. Mehrere Workshops werden diese Reihe fortsetzen. Jeder wissenschaftliche Vortrag wird durch konkrete Erfahrungsberichte ergänzt. Die Betroffenen werden beteiligt, damit nicht über sie sondern mit ihnen diskutiert wird. Außerdem werden Vertreter unterschied- Außerdem werden Vertreter unterschiedlicher Initiativen und Beratungsstellen ihre Arbeit vorstellen.


Vorträge des Fachtags und Zusatzinformation als Dowload

Grußwort von Dr. Bettina Bonde, ehemalige Staatssekretärin des Landes Schleswig-Holstein

Redemanuskript Prof. Dr. Markowetz

Redemanuskript_Markowetz.pdf

Vortrag zum Sozialraum von Peter Petersen

Vortrag_Sozialraum_von_Peter_Petersen.pdf

Kiezläufer 2010

Kiezläufer_2010.pdf

Zwischenevaluation Veddeler Kiezläufer August 2010

Zwischenevaluation_Veddeler_Kiezläufer_August_2010.pdf